Dachau trumpft in Langstadt auf und siegt im Golden Match

Von Stephan Roscher|April 20, 2026|bundesliga

Kein Happyend für Paranang und Co.: Langstadts Abschiedstour beendet

Nach der 4:6-Niederlage in eigener Halle am Freitagabend, glückte bärenstarken Dachauerinnen, bei denen diesmal auch das hintere Paarkreuz richtig gut performte, im Rückspiel der „Turnaround“. Mit einem 6:2-Erfolg vor fast 250 Fans im Hexenkessel von Langstadt erzwang man zunächst das Golden Match, das man mit 4:1 ebenfalls siegreich gestaltete. Damit treffen Winter und Co. in den Endspielen um die Deutsche Meisterschaft am 29. und 31. Mai auf den ttc berlin eastside.

Für die Hessinnen war es die Abschiedsvorstellung nach sieben Jahren Profitischtennis in der 1. Bundesliga – und es floss am Ende die eine oder andere Träne. Die ersehnte Finalteilnahme, die eine Zugabe von zwei weiteren Matches bedeutet hätte, missglückte, was aber angesichts der imponierend starken Leistung der Bayern vollkommen in Ordnung ging. Die Zuschauer feierten am Ende dennoch ihr Team, das zu einem Duell der Superlative, wie man es in dieser Qualität selten zu sehen bekommt, seinen Beitrag geleistet hatte.

TSV Langstadt – TSV Dachau 65 2:6 / Golden Match 1:4

Bei Langstadt das komplette Sextett vor Ort, Orawan Paranang, Izabela Lupulesku, Franziska Schreiner, Chantal Mantz, Sophia Klee, Lorena Morsch. Die Qual der Wahl. Aufgestellt werden Paranang, Lupulesku, Schreiner und Mantz in den Einzeln, somit dasselbe Quartett wie am Freitag in Dachau. Im Doppel kommt zudem auch die junge Lorena Morsch zum Einsatz, nämlich an der Seite von „Franzi“ Schreiner. Aber auch das ist nichts Neues, sondern wie gehabt. Bei Dachau hat sich nichts geändert, die vier Spielerinnen vom Hinspiel sind nach Langstadt gereist, auf sie kommt es an, sie wollen die Kastanien aus dem Feuer holen: Sabine Winter, Seoyoung Byun, Dora Cosic und Naomi Pranjkovic.

Zunächst einmal das übliche 1:1 aus den Doppeln. Diesmal aber andere Matches: Paranang/Lupulesku schlagen Winter/Byun in fünf Sätzen, Schreiner/Morsch verlieren dagegen 0:3 gegen Cosic/Pranjkovic – ein erster Fingerzeit, dass Dachaus Nummer drei und vier heute keinen Spaß verstehen und bis in die Haarspitzen motiviert sind.

Das Spiel der Spiele

Erster Einzeldurchgang vorne: Izabela Lupulesku kann den Coup vom Freitag gegen Sabine Winter nicht wiederholen und zieht mit 1:3 den Kürzeren. Am anderen Tisch das Spiel der Spiele – keine Übertreibung, sondern einfach Weltklasse, ein Match, das man noch in zehn Jahren in jedem Lehrvideo Angriff vs. Abwehr zu sehen bekommen müsste, was beide liefern ist schlicht und einfach grandios – technisch und von der Mentalität. Orawan Paranang und Seoyoung Byun duellieren sich hier, als ginge es um ihr Leben, aber stets fair bis zum Äußersten. Am Freitag hatte die Thailänderin in Diensten der Hessen den Kürzeren gezogen. Und diesmal: Die ersten beiden Sätze 11:9 und 12:10 für Paranang, doch Byun schlägt zurück und egalisiert (11:9, 11:8). Es scheint, dass die schier nicht enden wollenden Ballwechsel bei der schmächtigen Langstädter Asiatin ihren Tribut zollen. Man spürt, wie sie alle Kräfte mobilisieren muss, um zu punkten. Kein Wunder, denn Byun erweist sich als Gummiwand und fischt nicht nur Topspin um Topspin, sondern auch die gewiss nicht gerade schwächlichen Vorhand-Schüsse ihrer Gegnerin. Oft muss Paranang vier- oder fünfmal platziert schießen, bis der Punkt verbucht ist. Unter den Augen von Petrissa Solja, die es sich nicht nehmen lassen wollte, nochmals ihren TSV Langstadt zu sehen – auch sie, Linkshänderin mit begnadetem Ballgefühl wie Paranang, sah staunend zu. Der fünfte Satz sprengte jeden Rahmen, der oft verwendete Begriff „großes Kino“ war eindeutig zu schwach. Byun weiter absolut dicht in der Abwehr, führt 7:2, doch Paranang steckt nicht auf, der Wille treibt sie Punkt um Punkt nach vorne, sie gleicht aus und geht sogar in Führung, kann den Sack aber vorerst nicht zumachen, da ihre Gegnerin auch noch dann cool und beherrscht bleibt, wenn sie fünf Punkte am Stück nicht machen kann. So geht es in die Verlängerung mit immer wieder wechselnden Führungen, die Fans hielt es kaum mehr auf ihren Sitzen und wir haben mit dem Zählen aufgehört, wer wie viele Matchbälle hatte und nicht nutzen konnte. Man darf dabei nicht außer Acht lassen, wie lang jeder einzelne Ballwechsel dauerte, keiner machte einen „unforced error“, sodass es sich gefühlt um eine kleine Unendlichkeit handelte. Ja, und irgendwann war es dann doch die Langstädterin, die, vollkommen erschöpft, ihrer Gegnerin zwei Punkte voraus war und das Match unter grenzenlosem Jubel der Kulisse nach Hause brachte. 21:19 für Paranang stand auf der Anzeigetafel, doch es fühlte sich eher wie 35:33 an. Wir versteigen uns zu der Behauptung, dass es sich bei Paranang vs. Byun um eines der besten Matches der Bundesligageschichte handelte.

Das Break war geschafft. Alle, die mit Langstadt fieberten, gingen beruhigt in die Pause und waren überzeugt, der Gastgeber würde das „Ding“ nun mit seinem starken hinteren Paarkreuz entscheiden beziehungsweise vorentscheiden, schwärmten aber weiter von dem, was sie gerade gesehen hatten. Und es blieb tatsächlich aus Langstädter Perspektive das mit Abstand Beste des denkwürdigen Sonntags.

Hinten sah es nämlich anders aus als erwartet. Franziska Schreiner und Chantal Mantz – anders als am Freitag – fahrig und verkrampft, Dora Cosic und Naomi Pranjkovic dagegen cooler, abgeklärter und mit genau der richtigen Mischung aus Anspannung und Freude, positiver in der Einstellung und der Körpersprache. Man könnte wirklich sagen, dass Langstadt mit dem Megaspiel von Paranang sein Pulver verschossen hatte. Zwar gingen beide Matches des hinteren Paarkreuzes in den Entscheidungssatz, doch man hatte irgendwie den Eindruck, dass es Schreiner und Mantz schwerer fiel als ihren Gegnerinnen, fast so als hätten sie Bleigewichte an den Füßen, na ja, vielleicht doch eher mentales Blei. So kam es, wie es kommen musste: Pranjkovic schnappte sich den Entscheidungssatz gegen Schreiner mit 11:7, Cosic, die bis zum Ende die Bigpoints mit ihrer sehr guten Rückhand verbuchte, gegen Mantz, die es zu sehr erzwingen wollte, mit 11:8.

Und jetzt konnte das Spitzenpaarkreuz der Oberbayern die Sache wasserdicht machen und nach dem verlorenen Hinspiel den Zeiger wieder auf Null stellen – genau das geschah: Paranang agierte gegen Antitop-Königin Winter zwar noch auf Augenhöhe, zu einem Satzgewinn kam es aber nicht. Winter war einfach gut und machte ihre Punkte immer dann, wenn sie sie dringend benötigte, während die zierliche Thailänderin zwar viel Willen zeigte, aber immer noch ein wenig geschlaucht schien von ihrem Wahnsinns-Match gegen Byun. Ja und letztere machte gegen Lupulesku den Sack zu, die gegen solch hochkarätige Abwehr einfach am kürzeren Hebel sitzt. 6:2, ein scheinbar klares Ergebnis, doch dafür brauchte es bereits dreieinhalb Stunden.

Golden Match vergoldet Dachaus Mega-Leistung

Und jetzt kam, was kommen musste, die Zugabe, das ultimative Moment, das Golden Match. Langstadt musste wissen wie es funktioniert, hatte in den letzten Jahren bereits zweimal das Vergnügen, einmal mit positivem (Bingen), einmal mit negativem (Weinheim) Ausgang, für Dachau war es Neuland.

Doch der Spin vom vorangegangenen Match setzte sich eins zu eins fort, das Momentum blieb eindeutig auf Dachauer Seite, auch wenn der Hexenkessel jeden Punkt einer Langstädterin frenetisch feierte und die Halle kurz vor dem Siedepunkt war. Dass die Emotionen dann doch nicht überkochten, blieb den Gäste-Spielerinnen geschuldet, die weiter gnadenlos effektiv ihr Ding durchzogen. Sie wollten nicht den kleinen Finger, sondern die ganze Hand.

Die Doppel noch Remis, diesmal andere Paarungen – es handelte sich ja um eine neue Partie, somit konnten auch die Doppel neu aufgestellt werden. Paranang/Lupulesku 11:7 gegen Cosic/Pranjkovic, doch Winter/Byun 11:7 gegen Schreiner/Morsch.

Und nun kamen ja die beiden Einzel des Spitzenpaarkreuzes, die ja schon zuvor nicht günstig für die Südhessen gelaufen waren. Oder ging hier jetzt doch etwas? Paranang gegen Winter 5:1, 6:2, 7:5, doch Winter lächelt nur und macht Punkt um Punkt wett: 8:8, 9:8. 10:8, 11:8 – ihre Gegnerin war platt, der Akku leer, das spürte jeder in der Halle, während die Weltranglisten-Neunte noch eine Stunde so hätte weiterspielen können. Tja und dann abermals Lupulesku gegen Byun, es war nicht die günstigste Konstellation für Langstadt vorne im Golden Match – Paranang vs. Byun und Lupulesku vs. Winter hätten besser gepasst. Doch Konjunktive zählen nicht, sondern nur harte Fakten. Langstadts Serbin versuchte zwar alles, doch die Defensivstrategin aus Südkorea hatte zumeist die besseren Antworten (11:7).

3:1 für die Gäste, nun waren die Hessinnen hinten zum Siegen verurteilt – doch es blieb wie gehabt, die Dachauerinnen den entscheidenden Tick weniger verkrampft und spielfreudiger. Zwar war Mantz gegen Pranjkovic bis zum Ende recht gut im Rennen, doch es war ein Muster ohne Wert und wurde nicht bis zum letzten Ball gespielt, weil „Franzi“ Schreiner überhaupt nichts mehr gelang gegen eine Dora Cosic, die ihr Spiel kompromisslos durchzog und das Ding mit sage und schreibe 11:1 nach Hause brachte. Man hatte von außen am Ende das Gefühl, dass Cosic so in ihrem Flow war, dass man auch bis 33 hätte spielen können und es dann eben 33:5 oder ähnlich ausgegangen wäre.

„Gänsehaut“ beim „Wahnsinnsspiel“

Niemand – weder Fans, noch Offizielle – haderte mit den Spielerinnen, auch wenn das Ergebnis, aus Langstädter Sicht, natürlich enttäuschend war. Und das große Ziel bis Ende Mai im Rennen zu bleiben, verfehlt wurde. “Unsere Zuschauer waren heute sensationell. Ich hatte desöfteren Gänsehaut. An ihnen hat es definitiv nicht gelegen, dass es nicht gereicht hat“, unterstrich Trainerin Anna Rauch. „Dachau war heute den entscheidenden Ticken stärker. Schade, aber es war nochmal ein ganz tolles Spiel zu unserem Bundesliga-Abschluss.“ Der Sportliche Leiter, Manfred Kämmerer, pflichtete bei: „Ein Wahnsinnsspiel heute zu unserem Bundesliga-Abschluss. Leider konnten wir das emotionale Hoch nach dem Weltklassespiel von Orawan gegen Byun zum 2:2 in den weiteren Spielen nicht nutzen. Letztlich hat Dachau daher auch verdient gewonnen.“

Sabine Winter strahlte: „Das war ein richtig starker Auftritt von uns heute. Gerade auch, was Dora und Naomi gespielt haben, war Spitzenklasse und hat uns ins Finale gebracht. Jetzt wollen wir mal schauen, ob wir Berlin ein wenig ärgern können.“

Beitragsbild oben: Hatte maßgeblichen Anteil am Dachauer Erfolg: Dora Cosic (Foto: Dr. Stephan Roscher).

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