Kritik am Champions-League-Modus: ttc berlin eastside mit U20 zum Final 4
Am Wochenende steht die erstmals in Form eines Final-Four-Turniers ausgetragene Titelentscheidung in der ETTU Champions League Women auf dem Programm. Schauplatz wird das polnische Tarnobrzeg sein. Der Gastgeber KTS Enea Siarkopol Tarnobrzeg gilt gerade vor heimischer Kulisse als heißer Titelfavorit und möchte den sechsmaligen Königsklassengewinner ttc berlin eastside vom Thron stoßen, der zuletzt im Juni 2025 in Metz triumphiert hatte. Am Samstag im Halbfinale (19 Uhr) treffen beide Teams aufeinander. Tarnobrzeg wird dem Vernehmen nach in Topbesetzung antreten, der Hauptstadtklub dagegen mit seiner „U20“, also mit Yuka Kaneyoshi, Mia Griesel und Josi Neumann.
Dass Berlin ohne seine erfahrenen Spielerinnen nach Polen reist, hat einen Grund, den der Verein klipp und klar benennt. Man ist weder mit dem aktuellen noch dem künftigen Champions-League-Modus einverstanden und legt seinen Fokus nicht auf dieses Format, sondern auf die beiden Endspiele um die Deutsche Meisterschaft gegen den TSV Dachau eine Woche später.
eastside-Manager Andreas Hain gibt zu dem Sachverhalt die nachfolgende Erklärung ab: „Wir werden das Turnier nicht supporten, da wir gegen dieses Final 4, noch dazu in der absoluten Provinz im östlichen Polen, sind. Das Preisgeld ist so lächerlich niedrig, dass wir einen hohen Verlust einfahren werden! Die ETTU nimmt uns unsere wichtigsten Spiele ohne eine Gegenleistung! Zudem hat die ETTU eine neue fragwürdige Champions League für nächste Saison eingeführt, die es neben einem unsinnigen Spielsystem ermöglicht, mit zwei Nicht-Europäerinnen zu spielen. Damit vernichtet man rund 15 Arbeitsplätze für unsere besten Spielerinnen in Europa! Das wollen wir nicht unterstützen.“
Wir wollen und können diese Kritik hier nicht bewerten, das ist Aufgabe des europäischen Dachverbandes ETTU, wo die Berliner Erklärung vermutlich heftige Diskussionen auslösen wird. Schließlich handelt es sich um Europas Rekord-Champion, der stets ein Aushängeschild für den Wettbewerb war.
Hain kündigt jedenfalls an: „Wir spielen in Polen mit unserer U20-Mannschaft und werden so Yuka Kaneyoshi, Mia Griesel und Josi Neumann die Möglichkeit geben, wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Und wer glaubt, wir sind mit diesem Team chancenlos, der unterschätzt uns, wie in der letzten Saison, gewaltig!“.
Natürlich ist auch die Berliner Juniorinnen-Truppe alles andere als schwach. Defensivstrategin Yuka Kaneyoshi, 19 Jahre alt, ist in dieser Saison wettbewerbsübergreifend noch ungeschlagen, Mia Griesel (20) trug letzte Saison maßgeblich zum Königsklassen-Sieg ihres Teams bei und Josi Neumann (16) zeigte sich zuletzt auch in steil ansteigender Form.
Dennoch wird es für das junge Trio aus der Hauptstadt natürlich extrem schwierig werden, sich in der „Höhle des Löwen“ zu behaupten. Der viermalige Champions-League-Gewinner Tarnobrzeg stellt mit seinen Fans im Rücken und serienweise erfahrenen Spielerinnen von internationalem Topformat eine extrem hohe Hürde dar.
Der ttc berlin eastside ist bis hierhin mit einer guten Mischung aus routinierten Spielerinnen – zu nennen sind hier Nina Mittelham, Shan Xiaona, Sabina Surjan und Natalia Bajor – und „jungen Wilden“ souverän durch den Wettbewerb marschiert, zuletzt hatte man im Februar dem polnischen Überrschungsteam aus Rzeszów in den Viertelfinals keine Chance gelassen.
Natürlich muss alles erst einmal gespielt werden – und bis dahin ist es immer noch möglich, dass sich Berlin das fünfte „Triple“ der an Erfolgen so reichen Vereinsgeschichte sichert. Doch realistisch betrachtet ist Tarnobrzeg, das – wie man im Vorfeld hört – alle Topspielerinnen für das Wochenende zur Verfügung hat, nun der große Titelfavorit. Zu nennen sind die erfahrene deutsche Defensivspielerin Han Ying, die zuletzt mit dem Nationalteam Bronze bei der WM errungen hat, aber auch die Weltranglisten-Zwölfte Satsuki Odo (Japan), Penholder-Ass Fu Yu (Portugal) und Yang Xiaoxin (Monaco). Personelle Optionenen sind beim Gastgeber zudem He Zhuojia (China) und Ng Wing Lam (Hongkong) – allesamt Weltklassespielerinnen, die den jungen Berlinerinnen so viel an Erfahrung voraus haben.
Yuka Kaneyoshi, Mia Griesel und Josi Neumann sind folglich eindeutig in der Außenseiterrolle und können vollkommen unbeschwert aufspielen, während der Gastgeber weitaus größeren Druck hat. Jeder Punkt für den ttc eastside wäre wie ein kleiner Sieg. Lassen wir uns überraschen.
Der Sieger des Duells der beiden namhaftesten Teams des Kontinents trifft im Finale auf den Gewinner der Partie UCAM Cartagena (Spanien) TM vs. Metz TT (Frankreich), die am Samstag ab 15 Uhr das erste Halbfinale austragen werden.
Beitragsbild ganz oben: Abwehr-Ass Yuka Kaneyoshi wird das junge Berliner Team in Tarnobrzeg anführen (Foto: Dr. Stephan Roscher).
Links
- Zu den Ansetzungen und Ergebnissen auf ETTU.org
- Webseite der 1. Bundesliga Damen
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