Jetzt gilt es: Halbfinal-Play-offs am Freitag und Sonntag

Von Stephan Roscher|April 16, 2026|bundesliga

Eine ereignisreiche Punktrunde mit vielen sehenswerten und spannenden Partien liegt hinter uns. Was jetzt folgt, ist das Salz in der Suppe: Die Play-offs, die diesmal direkt mit den Halbfinals beginnen. Die vier Besten duellieren sich in den nächsten Tagen um die beiden Final-Plätze. Der souveräne Hauptrunden-Meister Berlin ist gewiss Favorit gegen die nach furioser Rückrunden-Aufholjagd in letzter Sekunde in die Play-offs gerutschten Weinheimerinnen. Im Duell zwischen Langstadt und Dachau scheint alles vollkommen offen zu sein. Man darf sehr gespannt sein, wer sich am Freitag und Sonntag durchsetzt und ob vielleicht sogar ein Golden Match um die Entscheidung erforderlich wird.

TSV Dachau 65 – TSV Langstadt (Hinspiel, Freitag, 19 Uhr)

TSV Langstadt – TSV Dachau 65 (Rückspiel, Sonntag, 16 Uhr)

Die Generalprobe am vergangenen Samstag mit einem packenden Remis nach dreieinhalb Stunden hat hohe Erwartungen geweckt und Lust auf die beiden Fortsetzungen gemacht, bei denen es jetzt richtig um die Wurst geht. Folglich werden beide gewiss mit noch einem Tick mehr Adrenalin an die Tische gehen als letztes Wochenende.

Man darf gespannt sein, wie sich die Hessinnen gegen das bärenstarke Spitzenpaarkreuz der Bayern aus der Affäre ziehen und ob es der am Samstag in Weltklasseform agierenden Orawan Paranang erneut gelingt, Seoyoung Byun und vor allem die Weltranglisten-Neunte Sabine Winter zu schlagen, deren einzigartiger sportlicher Aufschwung in den letzten Monaten jeden fasziniert, der sich für den professionellen Tischtennissport interessiert.

Interessant wird auch sein, wie Langstadt sein Team aufstellt. Franziska Schreiner war auf der Bayern-Tour gar nicht im Einsatz. Wenn sie spielt – die 24-Jährige darf ja hinten aufschlagen, wenn Izabela Lupulesku eingesetzt wird -, wäre das Team sicher nochmals einen Tick stärker. Am Samstag in Dachau bildeten ja Sophia Klee und Lorena Morsch das hintere Paarkreuz, die durch Erfolge gegen Koharu Itagaki beziehungsweise Dora Cosic für die zwischenzeitliche 4:2-Führung sorgten. Im zweiten Durchgang zogen beide indes den Kürzeren.

Man braucht dagegen nicht allzu viel Fantasie, um sich auszumalen, dass der TSV Dachau erneut sein Top-Quartett mit Sabine Winter, Seoyoung Byun, Koharu Itagaki und Dora Cosic ins Rennen schicken wird. Man könnte sich durchaus vorstellen, dass es zwei enge, umkämpfte Partien über die volle Distanz inklusive Golden Match gibt. Mit solchen Prognosen kann man aber leicht auch gründlich daneben liegen, da Play-offs stets eigenen Gesetzen unterliegen und es mitunter ganz anders läuft als vermutet.

„Die Mannschaft von Dachau um ihren Star Sabine Winter ist ein ganz harter Brocken für unser Team“, meint Langstadts Sportlicher Leiter Manfred Kämmer. „Aber auch Seoyoung Byun und Dora Cosic sind nicht zu unterschätzen. Auch sie haben eine positive Bilanz. Es wird schwer für unsere Mannschaft, aber mit der Unterstützung der Fans ist alles möglich.“ In der Spielankündigung der Tischtennisabteilung lesen wir unter anderem: „Vielleicht die letzte Chance nochmal Bundesliga-Tischtennis in Langstadt zu sehen, sollte es nicht zum Einzug ins Finale reichen. Ein Höhepunkt wird sein, dass wir die im Moment stärkste europäische Spielerin Sabine Winter in unserer Halle begrüßen dürfen. Sie ist gerade in der Weltrangliste auf Platz neun vorgestoßen, da sie erst als zweite deutsche Spielerin, nach Petrissa Solja, die Bronzemedaille im World-Cup-Prestigeturnier in Macao erspielt hat. Sie hat eine Bilanz von 15:4, wobei zwei Niederlagen verletzungsbedingt kampflos erfolgten.“

„Wir haben am vergangenen Samstag in Dachau gesehen, dass bei uns wirklich alles passen muss, um gegen diesen Gegner eine Chance zu haben“, betont Trainerin Anna Rauch. „Orawan Paranang hat überragend gespielt und zwei Siege geholt. Gegen diese starken Gegner ist das jedoch keinesfalls eine Selbstverständlichkeit in den kommenden Play-off-Duellen. Es müssen also auch alle anderen Spielerinnen an ihre Leistungsgrenze gehen, wenn wir eine Chance haben wollen. Genug Selbstvertrauen haben wir auf jeden Fall. Wir freuen uns auf die Duelle mit Dachau.“

Die Langstädter Fans sind natürlich mächtig gespannt, ob sie am Sonntag das Abschiedsspiel der Hessinnen erleben, oder ob es noch eine Zugabe für ihren TSV gibt, so wie in der Saison 2021/22, als das Team in die Finals einzog, dort aber gegen Serienmeister Berlin den Kürzeren zog.

Alexander Yahmed übt sich zunächst ein wenig in der hohen Kunst des kreativen Tiefstapelns, verfügt sein Team doch über ein Spitzenpaarkreuz von Weltklasse-Qualität: „Ich denke die Favoritenrolle ist klar, nachdem wir 5:5 gespielt haben nach 2:5, und dabei haben noch Franzi und Chanti gefehlt. Und die Langstädterinnen haben über die ganze Saison auch besser als wir gespielt, also sind sie für mich eindeutiger Favorit.“ Doch dann lässt Dachaus Cheftrainer durchblicken, dass es sich so eindeutig mit der Favoritenrolle doch nicht verhält: „Aber“ – und jenes „aber“ betont Yahmed nachdrücklich – „wir haben sicher auch eine kleine Außenseiterchance und auf die werden wir uns stürzen. Sollte es nicht klappen, ist es auch okay, aber wir glauben an uns, auch als Außenseiter.“

Noch ein Tipp: Wer richtig viel Tischtennis auf gutem Niveau sehen möchte, sollte am Sonntag möglichst bereits um 10 Uhr morgens in der Langstädter Eckehard-Colmar-Halle erscheinen. Da findet nämlich – sozusagen als Vorprogramm – das letzte Zweitliga-Spiel des TSV Langstadt II statt. Es ist das Derby gegen gegen den TTC Langen, der nur 30 Kilometer entfernt residiert. Auch da ist gutes Tischtennis zu erwarten, wenn der Tabellensechste den Fünften empfängt, auch da wird es mit Herzblut zur Sache gehen – ein tränenreicher Abschied der Langstädterinnen ist nicht auszuschließen.

TTC 1946 Weinheim – ttc berlin eastside (Hinspiel, Freitag, 19.30 Uhr)

ttc berlin eastside – TTC 1946 Weinheim (Rückspiel, Sonntag, 13 Uhr)

Die Neuauflage der Meisterschafts-Endspiele der letzten drei Jahre. Um ein Haar wäre es aber gar nicht dazu gekommen. Zumindest hielten viele den Rückstand der Weinheimerinnen auf Kolbermoor vor dem letzten Spieltag für nahezu uneinholbar. Vor jenem Showdown hatten die Bayern zwei Punkte Vorsprung sowie eine deutlich bessere Spieledifferenz. Doch das Unmögliche gelang – und deshalb stehen sich nun die Asse von der nordbadischen Bergstraße und der Ausnahmeklub von der Spree gegenüber.

Es hat sich an diesem Beispiel auch gezeigt, dass immer erst am Schluss abgerechnet wird und sich kluge Prognosen allzu oft am Ende nur als Kaffeesatzleserei entpuppen. Wobei in diesem Fall eben auch unwahrscheinliches Pech für Kolbermoor hinzukam, da ausgerechnet in diesem für die Bayern wichtigsten Spiel der Saison die Unterschiedsspielerin Annett Kaufmann verletzungsbedingt nicht eingesetzt werden konnte – fast schon tragisch.

Doch die Weinheimerinnen haben es, mit dem Rücken zur Wand stehend, geschafft und ein glattes 6:0 in Weil erspielt, was man auch erst einmal bewerkstelligen muss. So gesehen war es schon verdient, dass sie nun erneut unter den besten Vier stehen und sich mit der „Übermannschaft“ aus der Hauptstadt messen dürfen. Sie haben sich die Zugabe erkämpft und wollen es nun, ohne allzu großen Druck, am Ende einer schwierigen, von viel Verletzungspech gekennzeichneten Saison genießen, noch in der „Verlosung“ zu sein.

Bei diesem Duell ist die Favoritenrolle, anders als in den letzten Jahren, tatsächlich eindeutig auf Berliner Seite zu verorten. Der ttc eastside ist souverän durch die bisherige Saison marschiert und es bestand zu keinem Zeitpunkt der geringste Zweifel, dass man die Hauptrunden-Meisterschaft locker unter Dach und Fach bringen würde. Bis zum vorletzten Spieltag hielt man die Null bei den Minuspunkten, am Ende waren es dann eben „nur“ 23:1 Zähler, was aber nur statistische Bedeutung hatte.

Man hat sich vor der Saison gut und gezielt verstärkt, zudem erweist sich Defensiv-Ass Yuka Kaneyoshi, schon in der Vorsaison verpflichtet, immer mehr als echte Weltklassespielerin, die in der stärksten Liga Europas, für die wir die 1. Bundesliga Damen nach wie vor halten, gar nichts anbrennen lässt. Die junge Japanerin nach Berlin zu holen, zu einem Zeitpunkt als sie hierzulande noch fast völlig unbekannt war, war schon ein genialer personeller Schachzug, wie er selbst ambitionierten deutschen Vereinen nur sehr selten gelingt.

In der Hauptstadt sagt man klipp und klar, was man will, und beschränkt sich nicht auf vorsichtige Andeutungen. Das Triple soll es werden, es wäre das fünfte der Klubgeschichte. Nun, den Pokal hat man ja bereits im Januar in Kolbermoor geholt – Finalgegner war übrigens der TTC 46 Weinheim – und in der Champions League steht man im Halbfinale des Final Four. Da darf die Deutsche Meisterschaft natürlich nicht fehlen. Und dazu will man nun den erforderlichen Zwischenschritt machen – ohne Wenn und Aber.

Personell können die Hauptstädterinnen aus dem Vollen schöpfen, während man auf die Aufstellung der Nordbadener gespannt sein darf. In Weil war eigentlich eine kleine „Notformation“ im Einsatz. Mit der Taiwanerin Chien Tung-Chuan fehlte die beste Spielerin. Dafür sprangen die bis dahin etwas glücklose Südkoreanerin Kim Seongjin auf der Spitzenposition sowie Daria Trigolos, die in dieser Saison noch kein Spiel in der „Ersten“ bestritten hatte, im hinteren Paarkreuz ein – und zeigten beide ganz starkes Tischtennis und hatten entscheidenden Anteil daran, dass der Sprung in die Play-offs auf der Zielgeraden doch noch glückte. Man darf gespannt sein, welche Aufstellung Trainer Rainer Schmidt gegen den ttc eastside an die Tische schicken wird.

„Diese zwei Spiele sind absolute Zugaben, daher können wir nichts verlieren“, betont Weinheims Manager Christian Säger. „Wir sind krasser Außenseiter und werden völlig locker und frei aufspielen können. Unsere Fans sollen nochmals tolles Tischtennis sehen und wir werden dazu alles geben.“

„Wir wollen Deutscher Meister werden und müssen deshalb selbstverständlich zunächst das Halbfinale gewinnen“, redet eastside-Manager Andreas Hain Klartext. „Unser gesamtes Team trifft sich zur Vorbereitung bereits zwei Tage vor dem Spiel und wir werden hochkonzentriert und gerade gegen Weinheim auch hochmotiviert alles geben, um in das Finale zu kommen. Bei uns stehen alle einsatzberechtigten Spielerinnen zur Verfügung und wir werden dann kurzfristig entscheiden, wer spielen wird.“

Die Finaltermine stehen übrigens auch schon längere Zeit fest. Am 29. und 31. Mai wird sich entscheiden, wer Deutscher Meister 2026 wird.

Golden Match

Über das legendäre „Golden Match“ sollte man folgendes wissen: Der Modus ist einfach. Sieger einer Play-off-Runde ist die Mannschaft, die beide Spiele gewinnt. Steht es nach den beiden Spielen unentschieden, egal wie die Ergebnisse lauten – also auch bei einem 6:0 und 4:6, natürlich auch bei zweimal 5:5 – wird ein Entscheidungsspiel direkt im Anschluss an das Rückspiel ausgetragen, das sogenannte Golden Match. Es werden nochmals zwei Doppel und vier Einzel gespielt, die 1 gegen die 1, die 2 gegen die 2, die 3 gegen die 3 sowie die 4 gegen die 4. Dabei besteht jedes Spiel aus nur einem Satz, der bis zum elften Gewinnpunkt gespielt wird, ohne Verlängerung. Sieger ist diejenige Mannschaft, die zuerst vier Punkte erzielt. Sollte es nach den sechs Spielen 3:3 stehen, entscheidet die Balldifferenz. Ist auch diese gleich, wird jeweils eine Spielerin pro Mannschaft benannt, die in einem Satz bis sechs Punkte ohne Verlängerung (Aufschlagwechsel nach jedem Punkt) das Siegerteam ermitteln. Beim Golden Match geht es Schlag auf Schlag – viel schneller, als es sich die meisten vorstellen, die es noch nicht erlebt haben -, die Atmosphäre ist hoch emotional und richtig prickelnd. Und die Fans hält es oft nicht auf ihren Sitzen.

Beitragsbild oben: Berlins Defensivstrategin Yuka Kaneyoshi ist in dieser Saison noch ungeschlagen und könnte auch in den Play-offs zur tragenden Figur ihres Teams werden (Foto: Dr. Stephan Roscher).

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