Halbfinal-Ticket gelöst: Langstadt besiegt Weinheim und die Deutsche Bahn

Von Stephan Roscher|März 8, 2026|bundesliga

TSV Langstadt – TTC 1946 Weinheim 6:4

Ziel des südhessischen Bundesligisten Langstadt, der nach der Saison aus dem Profitischtennis aussteigen wird, war es, den Fans im letzten Heimspiel der regulären Punktrunde einen Sieg zu schenken, um in den Play-offs vertreten zu sein – gleichbedeutend mit mindestens einem weiteren Heimspiel. Dies gelang auch vor 185 am Ende richtig euphorischen Zuschauern, auch wenn es lange – bei 1:3- und 2:4-Rückstand – überhaupt nicht nach einem Langstädter Erfolg ausgesehen hatte.

Dass Fairness vom „Tischtennis-Gott“ nicht immer belohnt wird, mussten die Asse des TTC 46 Weinheim am Samstagnachmittag im südhessischen Langstadt erfahren, die nach drei unglaublich spannenden Stunden eine 4:6-Niederlage quittieren mussten – dabei hätten sie einen Sieg so dringend benötigt, den aber auch die Hessinnen unbedingt wollten, da ein solcher für sie gleichbedeutend mit dem sicheren Einzug ins Play-off-Halbfinale war. Was war geschehen? Orawan Paranang, Izabela Lupulesku und Franziska Schreiner wollten locker und entspannt per Zug vom WTT Feeder in Düsseldorf anreisen, die Verbindung schien exzellent zu passen. Doch das TSV-Trio hatte die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht.

„Drei Spielerinnen von uns sind mit dem Zug von Düsseldorf angereist. Der hatte an die drei Stunden Verspätung“, erläuterte Langstadts Sportlicher Leiter Manfred Kämmerer. „Zwischendrin sah es so, als ob wir nicht antreten können, da der Zug die ganze Zeit gestanden hat und es gar nicht vorwärts ging. Die Spielerinnen sind fünf vor Drei in die Halle gekommen. Weinheim und der Schiri haben uns eine kurze Verlegung nach hinten genehmigt, sodass sich das Team wenigstens zehn Minuten einspielen konnte.“

Franziska Schreiner äußerte sich als Betroffene dazu und dankte zugleich dem Gästeteam: „Nach dem Feeder übernachteten Orawan und Izabela bei mir. Wir sind mit dem Zug los und schafften es erst kurz vor Drei, um circa 14:53 Uhr, in die Halle. Wegen der Deutschen Bahn, die Verspätung betrug genau 162 Minuten. Ich möchte mich beim TTC Weinheim bedanken, dass sie auf uns gewartet haben und unser Spiel etwas später begonnen hat. Das war sehr im Sinne von Fair Play.”

Oberschiedsrichter Heinz Klenk, der mit dieser Bundesligapartie seine Schiedsrichtertätigkeit nach 54 Jahren beendete, hatte im letzten Spiel seiner Laufbahn dadurch nochmals eine heikle Situation zu meistern. Dies gelang ihm vorzüglich, nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrung und des verständnisvollen, mit sportlicher Fairness reagierenden TTC 46 Weinheim.

Oberschiedsrichter Heinz Klenk (TTC Langen), der am Samstag nach 54-jähriger Schiedsrichter-Laufbahn zum letzten Mal am Rande der Bande das Sagen hatte (Archivfoto Dr. Stephan Roscher).

Würde der Anreisestress Einfluss auf die Leistungen der Langstädterinnen haben? „Franzi“ Schreiner hatte da schon Bedenken: „Nachdem wir von Position eins bis drei verspätet waren wegen der Deutschen Bahn, wusste ich nicht, wie gut wir ins Spiel kommen würden.”

Nun ja, es ging, zwar verlor Schreiner ihr Doppel mit Lorena Morsch absolut chancenlos mit 0:3 gegen die Weinheimer Top-Formation Chien Tung-Chuan/Yuan Wan, doch am anderen Tisch konnten mit Orawan Parang und Izabela Lupulesku immerhin zwei Spielerinnen ebenso deutlich gegen Veronika Matiunina und Elisa Nguyen punkten, die zuvor arg nervös in dem “Bummelzug” gesessen hatten.

Nun war das vordere Paarkreuz an der Reihe und da kam es zu einem etwas überraschenden Ergebnis: Orawan Paranang unterlag trotz zweimaliger Satzführung einer allerdings auch ganz stark aufspielenden Yuan Wan in fünf spannenden Durchgängen. Im anderen Match machte eine gut aufgelegte Chien Tung-Chuan kurzen Prozess mit Izabela Lupulesku, die über ein 7:11, 4:11, 5:11 gegen die spielstarke Linkshänderin aus Taiwan nicht hinauskam. Zwischenstand 3:1 für die Gäste aus Nordbaden, deren Domizil nur 65 Kilometer von Langstadt entfernt liegt.

Eigentlich bereits eine kleine Vorentscheidung, dachten viele. Und es änderte sich zunächst einmal wenig. Zwar konnte im hinteren Paarkreuz Franziska Schreiner die 16-jährige Elisa Nguyen mit 12:10, 11:9 und 11:6 auf Distanz halten, doch zeigte sich die 17-jährige Lorena Morsch der auch nur zwei Jahre älteren Ukrainerin Veronika Matiunina, die zur Rückrunde zum Weinheimer Team gestoßen war, nicht gewachsen und musste eine deutliche Drei-Satz-Niederlage (8:11, 4:11, 3:11) hinnehmen. 4:2 für Weinheim – die Gäste schienen ihrem Ziel, in Langstadt doppelt zu punkten, immer näher zu kommen.

Yuan Wan präsentierte sich richtig stark in ihrem ersten Einzel gegen Orawan Paranang sowie im Doppel mit Chien Tung-Chuan (Archivfoto Dr. Stephan Roscher).

Doch dann erfolgte der „Turnaround“: Auf einmal, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, dominierten die Hessinnen das Geschehen, denen die Paarungen im zweiten Durchgang weitaus besser zu liegen schienen.

Zunächst war Orawan Paranang an der Reihe, der im Linkshänder-Duell der Spitzenspielerinnen ein so deutlich nicht erwartetes 11:8, 11:6, 11:5 über Chien Tung-Chuan gelang. Izabela Lupulesku ging gewiss nicht als Favoritin an den Tisch gegen Yuan Wan, die ja in ihrem ersten Einzel wie auch im Doppel so brilliert hatte. Doch nach einem Zwischenstand von 1:1 Sätzen bekam Langstadts Serbin das Match immer besser in den Griff und der deutschen Nationalspielerin, die im vierten Satz mit 0:9 zurücklag, bevor sie den ersten Punkt verbuchen konnte, glückte fast gar nichts mehr. Der TSV Langstadt hatte zum 4:4 ausgeglichen.

Würde “Franzi” Schreiner nachlegen können – im Pokalhalbfinale am 11. Januar hatte sie Veronika Matiunina gratulieren müssen, doch diesmal konnte die 24-jährige DTTB-Nationalspielerin eine Schippe drauflegen, der auch zugute kam, dass ihre Mannschaft jetzt richtig heißgelaufen war und von den Zuschauern mächtig gepuscht wurde. Nach spannenden fünf Sätzen durfte sich Schreiner über einen knappen Erfolg (11:9, 9:11, 11:7, 8:11, 11:7) freuen. Dieser wurde durch den Umstand vergoldet, dass Lorena Morsch am Nachbartisch ihre Kollegin aus dem Jugendnationalteam, Elisa Nguyen, bis auf den dritten Satz recht gut im Griff hatte und ihr viertes Match in dieser Saison, fünf gingen verloren, gewinnen konnte.

Franziska Schreiner stand die Freude ins Gesicht geschrieben: „Es waren spannende Spiele und ich bin total froh, dass wir heute 6:4 gewinnen konnten und ich mit zwei Einzel-Siegen beitragen konnte. Vor allem gegen Veronika Matiunina konnte ich mein 1:3 aus dem Pokal in ein entscheidendes 3:2 verbessern. Das große Ziel, die Play-offs zu erreichen, haben wir geschafft!“.

“Eine tolle Leistung der ganzen Mannschaft“, freute sich Manfred Kämmerer. „Wir haben auch nach dem Rückstand noch an uns geglaubt und sind belohnt worden. Jetzt haben wir unser Ziel mit der Errreichen der Play-offs geschafft und freuen uns, dass wir den Fans noch ein Heimspiel schenken können.“ Mindestens eins, muss man ergänzen, sollte nämlich der ganz große Wurf mit dem Einzug ins Endspiel gelingen – den Berlinerinnen kann man in den Halbfinals aus dem Weg gehen – wären es sogar zwei. Eine willkommene Zugabe wäre dies, da danach definitiv der Vorhang fällt und man sich in Richtung Langenselbold orientieren muss, möchte man in Hessen künftig Damen-Erstliga-Tischtennis sehen.

„Wir sind überglücklich, dass wir das Spiel noch drehen konnten“, unterstrich TSV-Trainerin Anna Rauch. „Im zweiten Durchgang haben die Paarungen besser für uns gepasst. Die Fans haben uns dazu richtig gepuscht, das hat unserem Team nochmal eine extra Portion Motivation gegeben.“

Langstadt hat nun eine längere Pause und kann in aller Ruhe überlegen, ob demnächst nicht vielleicht eine Anreise mit dem PKW ratsamer wäre. Erst am 11. und 12. April geht es wieder an die Tische, die große Bayern-Tour steht für die Hessinnen auf dem Programm mit den Begegnungen in Dachau und Kolbermoor, bei denen die Entscheidung fällt, ob der TSV als Zweiter oder Dritter ins Ziel einläuft.

Weinheims Manager Christian Säger konnte natürlich nicht zufrieden sein, erkannte aber sportlich-fair die Leistung des Gegners an: „Das war ein Spiegelbild der gesamten Saison. Nach 4:1-Führung und tollen Spielen für die zahlreichen Zuschauer im letzten offiziellen Heimspiel der Saison für Langstadt, konnten wir den Sack nicht zumachen. Leider spielte auch einer der Schiedsrichter eine Rolle dabei, der bei Yuan Wan mehrere Aufschläge monierte und abzog. Allerdings soll das die tolle Leistung von Langstadt nicht schmälern, die dann auch zum Ende verdient gewonnen haben.“

Für die Weinheimerinnen wird es nun extrem schwierig, das große Ziel noch zu erreichen. Vier Partien hat man noch zu spielen, alle vier müssen vermutlich gewonnen werden, um in der Endabrechnung noch unter die ersten Vier zu kommen, ansonsten macht der SV DJK Kolbermoor das Rennen um den letzten noch zu vergebenden Play-off-Platz. Im ersten Schritt muss am Sonntag in heimischer Halle (Spielbeginn 14 Uhr) der verlustpunktfreie Spitzenreiter ttc berlin eastside geschlagen werden, egal mit wie viel Qualität im Kader dieser anreist. Ein Unentschieden wäre aus Weinheimer Sicht bereits zu wenig.

Beitragsbild oben: Franziska Schreiner konnte trotz der stressigen Anreise ihre beiden Einzel gewinnen (Foto: Dr. Stephan Roscher).

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