Berlin will Platz eins festzurren

Von Stephan Roscher|Februar 27, 2026|bundesliga

Können Langstadt oder Kolbermoor das verhindern?

Sechs Wochen hat der verlustpunktfreie Spitzenreiter in der Bundesliga pausiert, nun geht es endlich weiter für den ttc eastside mit den Heimspielen gegen Langstadt und Kolbermoor, beides Teams, die jeden Punkt im Kampf um die Play-offs benötigen – die Bayern noch mehr als die Hessen. Der Ligaprimus hat aber auch nichts zu verschenken und möchte so früh wie möglich Platz eins endgültig festzurren, um sich ganz auf das gewiss nicht leichte Final Four in der Champions League fokussieren zu können. Schlägt man Langstadt, ist man so gut wie am Ziel, punktet man zudem auch gegen Kolbermoor, ist der Spitzenplatz auch rechnerisch fix.

Samstag, 18 Uhr: ttc berlin eastside – TSV Langstadt

Spiel drei der Langstädter Abschiedstour seit Bekanntgabe des Rückzugs zum Saisonende steht am Samstag auf dem Bundesliga-Spielplan. Es handelt sich um das schwerste und zugleich einfachste Spiel des Jahres. Man gastiert in der Hauptstadt bei Rekordmeister Berlin, dem amtierenden Champions-League-Sieger, der aktuell in der Königsklasse schon wieder im Halbfinale steht, das „Triple“ als klares Saisonziel ausgegeben und den Pokalwettbewerb bereits wieder gewonnen hat. Auch in der Bundesliga tritt man sehr überzeugend auf, bietet Spiel für Spiel ein bärenstarkes Quartett auf – eigentlich könnte man mit diesem Kader sogar zwei Mannschaften stellen, die beide ganz vorne mitmischen würden – und führt die Liga mit kompromisslosen 16:0 Punkten einsam an.

Dass die Langstädterinnen da als krasser Außenseiter auflaufen, ist klar – zumal man eigens für diese Partie kaum Thailand-Ass Orawan Parang einfliegen lassen wird. Die Aufgabe ist sportlich also extrem schwer, doch insofern auch leicht, weil man unter keinem Erwartungsdruck steht, ein 1:6 oder 2:6 das normalste Ergebnis der Welt wäre und man vollkommen frei und unbelastet aufspielen kann.

Es könnte sein, dass sich die Wege beider Klubs – es gab durchaus auch spannende Aufeinandertreffen im Lauf der letzten sieben Jahre, und nicht alle gingen an eastside – am Samstag zum allerletzten Mal kreuzen werden. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass noch eine Fortsetzung in den Play-offs folgt.

Man darf sich bei den Südhessen nach den Heimsiegen gegen Bingen (6:4) und Weil (6:2) von scheinbar beruhigenden 12:4 Punkten nicht blenden lassen. Die Play-offs sind noch keineswegs eingetütet, man hat noch vier schwere Spiele in der regulären Punktrunde vor der Brust – und alle könnten, wenn es ungünstig läuft, auch verloren gehen: Am Samstag in Berlin, am 07.03. zu Hause gegen Titelverteidiger Weinheim sowie auf der Bayern-Tour am 11. und 12.04. in Dachau und Kolbermoor. Alles keine Selbstläufer, zumal ohne Paranag, deren Einsatz erst wieder in den Play-offs zu erwarten wäre.

Wenn es dumm läuft, schließt man die Runde mit 12:12 Punkten ab und kommt sich in Sachen Halbfinal-Ticket noch ins Gehege mit Kolbermoor (9:9 Punkte) und Weinheim, das mit 5:9 zunächst einmal nicht so gut dasteht, doch in der Rückrunde endlich wieder in starker Besetzung an die Tische gehen kann und bereits die Aufholjagd ausgerufen hat. Dachau dürfte mit aktuell 15:7 Zählern der Play-off-Platz nicht mehr zu nehmen sein. Langstadt benötigt mindestens noch einen Punkt aus den ausstehenden Partien, dann schließt man mit positivem Konto ab und sollte das Halbfinale in seiner letzten Bundesliga-Saison eingetütet haben.

Zuletzt sehr überzeugend im Doppel: Franziska Schreiner und Lorena Morsch (Foto: Dr. Stephan Roscher).

Berlin braucht nur noch einen Sieg, bevorzugt am Samstag gegen die Hessinnen, um die Runde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf der Top-Position zu beenden, bei drei oder vier Punkten am Samstag und Sonntag wäre alles auch rechnerich frühzeitig in trockenen Tüchern.

Im Hinspiel am 12.12. vor heimischer Kulisse war der TSV gegen die Hauptstädterinnen chancenlos. Beim 2:6 konnten sich lediglich Izabela Lupulesku sowie das Doppel Franziska Schreiner/Lorena Morsch in die Siegerliste eintragen, wobei jedem in der Halle zu jedem Zeitpunkt klar war, dass es sich lediglich um Ergebniskosmetik handelte.

Trainerin Anna Rauch betont die günstige psychologische Konstellation, weiß aber, das ein Punktgewinn mehr als sensationell wäre: “Gegen Berlin kann mein Team frei aufspielen. Wie in der Vorrunde wollen wir jedoch zumindest wieder zwei Punkte holen. Mehr wird sicher sehr schwer gegen den top besetzten Champions-League-Sieger.“ Sophia Klee, kommende Saison beim Langstadt-Erben unter Vertrag, äußert sich selbstbewusst: „Wir wollen natürlich alles geben und Berlin ärgern. Berlin ist nicht umsonst ganz oben in der Tabelle, aber wir brauchen uns nicht zu verstecken.“ Auch Franziska Schreiner hält ein gutes Ergebnis nicht für ausgeschlossen. „Natürlich ist in jedem Spiel eine Überraschung möglich“, so die 24-jährige deutsche Nationalspielerin. „Die Gegner aus Berlin sind diese Saison aber sehr konstant und traten bislang immer mit starker Mannschaft auf. Aber wenn wir die kleinen Chancen nutzen können, sollten wir uns welche erspielen, würde ich mich sehr freuen, wenn wir das Ergebnis aus der Vorrunde verbessern können. Wenn dabei noch ein Punkt rausspringen sollte. wäre das ein tolles Ergebnis.“

Vermutlich wird Mia Griesel in mindestens einer der beiden Berliner Wochenendpartien ihre Einsatzchance erhalten (Foto: Dr. Stephan Roscher).

Berlins Manager Andreas Hain kündigt an: „Wir können am Wochenende endgültig den ersten Platz für die Play-offs sichern und diese Chance wollen wir auch nutzen. Bis auf Nina Mittelham stehen alle Spielerinnen zur Verfügung, sodass wir kurzfristig entscheiden, wer zum Einsatz kommen wird. Wahrscheinlich werden wir einmal neue Doppelkombinationen testen, um zu sehen, welche Doppel in den Play-offs erfolgreich sein können.“

Man kann die Partie via Livestream in gewohnt guter Qualität kostenlos verfolgen. Das Berliner TV-Team mit Bernd Guder und Dietmar Ripplinger wird einmal mehr Spitzenqualität liefern. Hier die Links:

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Sonntag, 13 Uhr: ttc berlin eastside – SV DJK Kolbermoor

Der SV DJK Kolbermoor steht aktuell mit 9:9 Punkten auf den vierten Tabellenplatz. Würde man dort auch nach dem zwölften Spieltag notiert sein, würde sich bei den Oberbayern niemand beschweren. Es war bisher ein Auf und Ab in dieser Saison, gute Spiele folgten weniger guten, die letzten beiden hat man aber gewonnen. Das letzte am 1. Februar in Weil.

Dass Kolbermoor an guten Tagen eine Spitzenmannschaft ist, hat man im Januar beim Pokalturnier in eigener Halle gezeigt. Die Rede ist von dem sehenswerten Halbfinale gegen die Berlinerinnen, denen Annett Kaufmann und Kolleginnen zusetzten wie noch kein anderes Team in dieser Saison, und in dem der 3:2-Erfolg des späteren Pokalsiegers am seidenen Faden hing. Es war eines der besten Damen-Mannschaftsspiele der letzten Jahre, geradezu elektrisierend für die zahlreichen Zuschauer, auch wenn das Happyend aus ihrer Sicht ausblieb. Der Gastgeber war absolut auf Augenhöhe und erinnert sich nun an diesen bemerkenswerten Tag zurück – gerade jetzt, wo man jeden Punkt braucht, da Weinheim, das erst sieben Partien bestritten hat, zuletzt deutlich im Aufwind war.

Wenn man es schafft, erneut mit so viel Power und Leidenschaft sowie spielerischer Klasse gegen die Hauptstädterinnen aufzutreten, könnte tatsächlich etwas drin sein, auch in der Fremde. Dem ttc eastside vielleicht den ersten Zähler der Saison abzuknöpfen, wäre ein Traum aus Sicht der Gäste, ein nicht eingeplanter Bonuspunkt, der einen nicht zu unterschätzenden Vorteil im Fernduell mit den Weinheimerinnen bedeuten würde. Schwer kalkulierbar, aber nicht völlig unmöglich, wenn man sein Sonntagsgesicht zeigt und eine Annett Kaufmann ihre beiden Matches sowie vielleicht auch noch das Doppel gewinnt.

Die zuletzt und auch beim Pokal-Showdown gut aufgelegte Huang Yu-Chiao, die sogar Weils Tospielerin Anna Hursey bezwingen konnte, wird diesmal nicht mitwirken. Dafür kommt es zu einer Bundesliga-Premiere: Erstmals wird als Nummer zwei beim SV DJK die zur Rückrunde verpflichtete 20-jährige Japanerin Manami Imaeda zum Einsatz kommen, die nur schwer einzuschätzen ist. Man wird sehen, ob sie den im vorderen Paarkreuz gewiss bärenstark aufgestellten Berlinerinnen gewachsen ist.

Das Hinspiel Ende Oktober ging vor immerhin 320 Fans mit 3:6 verloren, wobei damals das hintere Paarkreuz der Bayern mit Tijana Jokic und der jungen Lisa Wang noch gar nicht in der Liga angekommen war, das sich von Sabina Surjan und Mia Griesel regelrecht verprügeln lassen musste. So wird sich das kaum wiederholen, da Jokic und Wang inzwischen gut akklimatisiert sind und sich von keinem mehr so einfach von der Platte schießen lassen. Kolbermoor tritt die weite Reise in die Hauptstadt jedenfalls nicht an, um sich eine Packung abzuholen. Ziel ist es, auf Augenhöhe zu agieren und gegebenenfalls zu punkten.

In Berlin macht man sich indes nicht allzu viele Gedanken über den Gegner, setzt auf die eigene Qualität und will sein Ding kompromisslos durchziehen, egal wer auf der anderen Seite des Tisches steht. Wenn am Ende des Tages nicht oder noch nicht der Sieg in der Punktrunde feststünde, wäre man enttäuscht. Manager Andreas Hain betont: „Wir können am Wochenende endgültig den ersten Platz für die Play-offs sichern und diese Chance wollen wir auch nutzen.“ Klar ist, dass man sich mit dem Halbfinal-Einzug, der schon seit Wochen feststeht, nicht zufrieden gibt. Man will ganz oben bleiben und es an diesem Wochenende zementieren, womit man sich die zumindest auf dem Papier günstigste Ausgangssituation für die Play-offs verschaffen würde. Es ist die Rede von einem Spitzenkader, da mit Ausnahme von Nina Mittelham alle Spielerinnen zur Verfügung stünden. Angekündigt hat man den Test neuer Doppelkombinationen mit Blick auf die Play-offs. Ansonsten wird man gewiss keine größeren Experimente veranstalten und auf Qualität setzen. Man darf gespannt sein, welchen Spielerinnen Trainerin Mika Kaneyoshi das Vertrauen schenken wird.

Kolbermoor will sich in der Hauptstadt nicht verstecken und sieht sich nicht ohne Chance auf einen Überraschungscoup (Teamfoto 2025/26: SV DJK Kolbermoor).

Dr. Michael Fuchs unterstreicht: „Jedes Spiel gegen Berlin ist immer ein schweres Spiel. Tatsächlich geht es um jeden Punkt im Kampf um Platz vier. Weinheim hat sich verstärkt, hat noch viele Spiele vor sich und wird auch noch einige Punkte holen. Die vier Punkte Vorsprung aktuell sind nicht repräsentativ, da Weinheim auch zwei Spiele weniger hat als wir.“ Über den Gegner meint Kolbermoors Cheftrainer und Abteilungsleiter: „Berlin hat einen sehr große Kader und muss noch ein paar Einsätze für Spielerinnen für die Play-offs sammeln, deshalb ist es schwer abzuschätzen, wer gegen uns spielen wird.“

Zum eigenen Team sagt Fuchs: „Wir werden am Sonntag erstmals mit unserem japanischen Neuzugang spielen. Zusätzlich dazu werden wir mit unserer üblichen Stammmannschaft antreten. Berlin wird am Sonntag als Favorit ins Match gehen, aber wir sind trotzdem selbstbewusst genug, dass wir uns auch zutrauen, gegen Berlin punkten zu können. Jeder Punkt ist für uns wichtig im Kampf um die Play-offs und wir haben im Pokal gesehen, dass auch gegen den vermeintlichen Favoriten immer etwas möglich ist.“ Fuchs setzt neben dem Spielerischen auch auf den emotionalen Faktor: „Ich erwarte ein umkämpftes und vielleicht auch etwas aufgeheiztes Spiel – das wollen die Zuschauer sehen und wäre auch nicht das erste Mal gegen Berlin.“

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Beitragsbild oben: Eine Annett Kaufmann in Topform wäre die Grundvoraussetzung, wenn Kolbermoor tatsächlich in Berlin etwas reißen möchte (Foto: Benedikt Probst).

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