Langenselbold begeistert fast 300 Tischtennisfans bei Bundesligapremiere – Nervenstarker Liganeuling gewinnt spannende Auftaktpartie
TG Langenselbold – ESV Weil 6:2
Traum-Premiere des Liganeulings aus dem hessischen Main-Kinzig-Kreis. Die TG Langenselbold, die aufgrund des Rückzug des TSV Langstadt aus dem Bundesligatischtennis den sensationellen Sprung von der Bezirksklasse in die 1. Bundesliga Damen schaffte und den freigewordenen Startplatz einnahm, konnte gleich zu Rundenbeginn die Fans begeistern und hat am Sonntag ziemlich sicher neue dazugewonnen. Das 6:2 gegen den ESV Weil ist ein tolles Auftaktergebnis, ist aber gewiss einen Tick zu hoch ausgefallen, da fast alle Einzel heftig umkämpft waren.
Nach dem guten Vorverkauf hatte man auf 250 bis 300 Zuschauer gehofft. 290 waren schließlich zur schmucken TGL-Arena gepilgert, kein einziger bereute sein Kommen. Sie wurden Zeugen eines sensationellen Auftaktspiels von historischer Dimension. Ein Duell zweier – trotz des klaren Endergebnisses – fast gleichwertiger Mannschaften, das auch 5:5 hätte ausgehen können.
Doch die „Selbolder“ holten mit einer tollen Kämpfer-Mentalität das Optimale heraus und hatten auch das nötige Quäntchen Glück – durchaus hart erarbeitet -, die vielen engen Matches während der prickelnden drei Stunden praktisch alle auf ihre Seite ziehen zu können.
Während die Doppel noch so dahinplätscherten und ziemlich einseitig verliefen – Moyland/Klee waren gegen Pavlovic/Riliskyte klar überlegen, auf der Gegenseite konnten Morsch/Roggenhofer gegen Sozoniuk/Lachenmayer nichts ausrichten -, war es dann aber vorbei mit den eindeutigen Ergebnissen. Von da an ging es nur noch eng und umkämpft zu. Die Gastgeberinnen schafften es bereits im ersten Durchgang des vorderen Paarkreuzes, die Zuschauer richtig „mitzunehmen“, so wie es dem TSV Langstadt sieben Jahre lang immer wieder gelungen war. Der Funke sprang über und erlosch nicht mehr, als die Menschen spürten, wie sehr sich die Langenselbolder Spielerinnen hineinhängten, wobei aber auch der Faktor spielerische Klasse nicht zu kurz kam, von beiden Seiten.
„Es mag platt klingen, aber das war wirklich eine Werbung für den Tischtennissport, natürlich insbesondere für hochklassiges Damen-Tischtennis“, so ein begeisterter Matthias Leißner, Vorstandsvorsitzender der TGL und einer der Väter, wenn nicht der Vater des Projekts Bundesliga Damen in der Gründaustadt. Und keiner konnte ihm widersprechen. Auch nicht, als er ergänzte: „Ich bin mehr als zufrieden, ein tolles Spiel vor so vielen Zuschauern, die alle zufrieden den Heimweg angetreten haben, das hätten wir uns besser nicht wünschen können. Und organisatorisch hatten wir mit unserem 20-köpfigem Team auch alles gut im Griff.“
Beide Teams hatten mit jeweils einem personellen Handikap zu kämpfen: Bei Langenselbold, ohnehin mit keinem umfangreichen Kader ausgestattet, fiel ausgerechnet zum Auftakt die Schwedin Matilda Hansson verletzungsbedingt aus, sodass Spielertrainerin Sonja Roggenhofer anstatt des Coachings selbst zum Schläger greifen musste. Bei den Südbadenern musste die neue Nummer eins, die 22-jährige Hongkong-Chinesin Hoi Man Karen Lee ersetzt werden, weil sie von ihrem Verband für die Asienspiele nominiert worden war. Nicht optimal, aber vielleicht nicht ganz so tragisch aus Sicht der Weilerinnen, da man dennoch ein spielstarkes Quartett aufbieten konnte, das extrem ausgeglichen und von eins bis vier nahezu gleichwertig aufgestellt war.
In der Tat, besser kann eine solche Premiere nicht verlaufen. In der umkämpften Partie, die sich wie angedeutet, über weite Strecken auf Augenhöhe abspielte, zeigten sich die „Selbolderinnen“ als das nervlich stabilere Team und gewannen die engen Matches samt und sonders. Sally Moyland (jeweils 3:2 gegen Andrea Pavlovic und Ievgeniia Sozoniuk), Sophia Klee (jeweils 3:1 gegen Sozoniuk und Pavlovic) und Lorena Morsch (3:2 gegen Kornelija Riliskyte) sowie das Doppel Moyland/Klee (3:0 gegen Pavlovic/Riliskyte) sorgten für die Punkte des Gastgebers, während lediglich Lea Lachenmayer (3:1 gegen Sonja Roggenhofer) und das Doppel Sozoniuk/Lachenmayer (3:0 gegen Morsch/Roggenhofer) für das Gästeteam aus dem südbadischen Dreiländereck erfolgreich waren.

Versuchte alles, doch es reichte nicht: Ievgeniia Sozoniuk (Foto: Dr. Stephan Roscher).
„Tolles Auftaktspiel“: Stimmen der Beteiligten
Alle Langenselbolder Spielerinnen sowie der Trainerstab, dem diesmal auch der erfahrene frühere Bundesligaspieler und Defensivspezialist Andreas Gehm, der in der Regionalligatruppe des Vereins aufschlägt, angehörte, waren sich nach der Partie einig, dass das optimale Ergebnis aus Sicht der TGL verbucht wurde und das Spiel phasenweise auch in die andere Richtung hätte kippen können.
„Ein tolles Auftaktspiel, das sehr gut für uns gelaufen ist, doch wir haben uns den Sieg aufgrund der tollen kämpferischen Leistung auch verdient“, so Trainer Oliver Weber.
Sally Moyland, jeweils als Favoritin an den Tisch gegangen, tat sich mit beiden Gegnerinnen, Andrea Pavlovic und Ievgeniia Sozoniuk, phasenweise richtig schwer. Beide Male war sie aber im Entscheidungssatz wieder absolut dominant und setzte ihre bärenstarke Vorhand – auch die Rückhand kann sich sehen lassen – gewinnbringend ein. Die 19-jährige US-Amerikanerin, aktuelle Nummer 68 der Welt, ist immer zu Späßchen und flotten Sprüchen aufgelegt, sie hat das Zeug zum Publikumsliebling. Alles andere als introvertiert, gibt sie bereits nach einigen Tagen in Deutschland mit den Ton an in ihrem Team (Co-Trainer Andreas Gehm: „Sally ist mitten im Leben und passt optimal zu dieser Mannschaft“). Sie räumte nach ihrem Bundesligadebüt aber auch selbstkritisch ein: „Ich war schon ein bisschen nervös, vor so vielen Fans mein allererstes Spiel für Langenselbold zu bestreiten. Wenn ich taktisch gegen meine Gegnerinnen etwas versucht habe, ist es meist schiefgegangen. Im fünften Satz war ich dann aber in beiden Matches voll konzentriert und habe nur das gespielt, wovon ich wusste, dass es funktioniert. Ich bin froh, dass es geklappt hat.“ Ihr generelles Urteil: „Super, dass wir mit einem Sieg in die Saison starten konnten. Das ist ein wunderbares, total sympathisches Team und ich bin stolz, hier spielen zu dürfen.“
Sophia Klee, erstmals als Nummer zwei in der deutschen Eliteliga aufgestellt, deren beide Matches wirklich sehenswert waren und die sich gegen starke Gegnerinnen taktisch clever und mit viel Herzblut behaupten konnte, sagte: „Ich glaube, wir können sehr zufrieden sein, alle Vier haben alles gegeben und wir konnten uns belohnen. Das Spiel gegen Ievgeniia war schon sehr anstrengend, danach war ich ziemlich platt und hätte selbst nicht gedacht, dass ich noch die Kraft haben würde, gegen Pavlovic zu gewinnen, denn auch das war dann wie erwartet ziemlich anstrengend mit langen Ballwechseln. Aber die Fans haben mich getragen, die Anfeuerung hat es mir leichter gemacht.“
Und Lorena Morsch, die zunächst das enge Match gegen die Litauerin Kornelija Riliskyte gewann und später gegen Lea Lachenmayer in Führung lag, als Klee am Nebentisch den Gesamtsieg in trockene Tücher packte, räumte ein: „Ja, das war schon in Ordnung heute. Tolles Spiel, tolle Fans und ich denke, dass ich auch ganz gut gespielt habe.“
Doris Spiess, Abteilungsleiterin des ESV Weil, gratulierte dem Gegner fair und würdigte dessen Leistung: „Ein verdienter Sieg der Langenselbolderinnen in einer spannenden, kampfbetonten und für die Zuschauer attraktiven Partie. Wir hatten uns natürlich einen erfolgreicheren Saisonstart gewünscht. Bei uns hat sich der Ausfall unserer neuen Nummer eins aus Hongkong schon negativ ausgewirkt, mit ihr wären wir sicher einen Tick besser gewesen.“ Vom Glück waren ihre Spielerinnen in Langenselbold gewiss nicht verfolgt: „Leider haben wir die engen Spiele fast alle verloren, ein besseres Ergebnis war auf jeden Fall möglich. Ich kann den Spielerinnen keinen Vorwurf machen, uns hat heute, abgesehen von dem wirklich guten Auftritt unseres Gegners, auch das nötige Quäntchen Glück gefehlt. Es wird sicher eine sehr spannende Saison und wir wollen uns besser verkaufen als 2025/26.“
Beide Teams sind bereits am kommenden Wochenende erneut gefordert. Der ESV Weil muss am Sonntag zum Baden-Württemberg-Derby nach Weinheim – eine gewiss erneut herausfordernde Aufgabe. Und die Langenselbolder können nicht lange ihren Auftaktsieg bejubeln, denn die anstrengende Bayern-Tour mit bärenstarken Gegnern steht bevor: Am Samstag geben die Hessinnen ihre Visitenkarte bei Berlin-Bezwinger Kolbermoor ab, tags darauf geht es bei Vizemeister Dachau zur Sache. Doch Hand aufs Herz: Keiner hat den „Selboldern“ versprochen, dass es einfache Spiele und leichte Gegner in dieser Topliga gibt. Da müssen sie jetzt durch – und wenn sie die Aufgaben mit einer solchen Moral angehen wie die Bundesligapremiere gegen Weil, können alle Seiten eigentlich nur gewinnen.
Beitragsfoto ganz oben: Eitel Sonnenschein und Siegesfreude in Langenselbold, v.l. Trainer Oliver Weber, Sophia Klee, Lorena Morsch, Sonja Roggenhofer, Sally Moyland, Co-Trainer Andreas Gehm (Bild: Dr. Stephan Roscher).
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