Tischtennisgeschichte schreiben: Langenselbolder Bundesliga-Premiere am Sonntag gegen Weil
TG Langenselbold – ESV Weil (Sonntag, 15 Uhr)
Am Sonntagnachmittag ist es so weit: Die mit großer Spannung erwartete Bundesliga-Premiere der Langenselbolder Tischtennisfrauen steht an. Letzten Sonntag bei einer Teampräsentation für die Medien zeigte man sich noch locker und gutgelaunt, doch jetzt gilt es für die Hessinnen bei höchster Konzentration und vollem Fokus gegen den ESV Weil aus dem südbadischen Dreiländereck.
Die Macher des Projekts Damen-Bundesliga in der 14.000-Einwohnerstadt an der Gründau hoffen auf eine volle Hütte und setzen darauf, dass das junge Team vom ersten Moment an auf die stimmgewaltige Unterstützung der Tischtennisfans aus der Region bauen kann. Gerade gegen eine kampfstarke Truppe wie den ESV Weil kann dies von großer Bedeutung sein.
Wie auch immer die Partie ausgehen mag – Prognosen erscheinen kaum möglich –, wird jeder, der am Sonntag zur kleinen aber feinen Selbolder Tischtennis-Arena an der Käthe-Kollwitz-Schule pilgert, Zeitzeuge sein, Zeuge eines neuen Kapitels der Tischtennisgeschichte. Mit einem Schlag acht Ligen zu überspringen – die bisherige erste und jetzige zweite Mannschaft schlägt in der Bezirksklasse auf – und nun in der Beletage des deutschen Mannschaftstischtennis vertreten zu sein, ist schon etwas Einzigartiges. Möglich wurde es nur, weil der TSV Langstadt nach sieben erfolgreichen Jahren im Oberhaus seine Teams aus dem Leistungstischtennis zurückgezogen hat und die Selbolder nicht lange grübelten, sondern sich umgehend für den freigewordenen Platz in der 1. Bundesliga bewarben.
Nun ist man also ganz oben dabei und muss es mit Leben erfüllen und Begeisterung wecken. Komplettes Neuland für die TGL, die bisher nur im Herren- beziehungsweise Erwachsenenbereich gut vertreten war, wo sie letzte Saison mit etwas Glück ihren Platz in der Regionalliga West behauptet hat.
Der Gegner aus dem südbadischen Dreiländereck wurde letzte Saison lediglich Siebter, also Letzter der damals mit sieben Klubs nur dünn besetzten Liga, die nun aber endlich wieder in voller Sollstärke mit acht Teams am Start sein wird. Doch sollte man sich nicht täuschen lassen, der „Eisenbahner Sportverein Weil am Rhein 1926 e.V.“ hatte in den letzten Jahren immer sperrige und kampfstarke Truppen im Rennen. Man konnte das eine oder andere Mal Akzente setzen, etwa mit dem Einzug in die Play-off-Halbfinals 2022 und 2025 – in den Viertelfinals hatte man im Mai 2025 übrigens keinem Geringeren als dem TSV Langstadt das Nachsehen gegeben. In der Saison 2023/24 mussten die Südbadenerinnen allerdings eine „Ehrenrunde“ in der 2. Liga drehen, bewerkstelligten aber souverän den sofortigen Wiederaufstieg.
Letzte Saison ging nahezu alles schief, was schiefgehen konnte. Extremes Verletzungspech, viele Ausfälle der starken Spitzenspielerin Anna Hursey aufgrund ihrer zahlreichen internationalen Einsätze sowie eine Reihe knapper, unglücklicher Niederlagen führten dazu, dass man die Punktrunde mit einem einzigen Sieg und ganzen zwei Punkten abschloss. Weit unter Wert.
Spitzenkraft Anna Hursey hat Weil verlassen, neue Nummer eins ist Hoi Man Karen Lee, eine von zwei Neuzugängen. Die 22-jährige Hongkong-Chinesin soll ihrem Team aufgrund internationaler Verpflichtungen aber am Sonntag noch fehlen. Neu dazu stieß auch die 26-jährige kroatische Angriffsspielerin Andrea Pavlovic. Die erfahrene ukrainische Noppenspielerin Ievgeniia Sozoniuk, seit vielen Jahren in Weil, wird in Langenselbold vermutlich auf der Spitzenposition auflaufen. Pavlovic dann als Nummer zwei, während das hintere Paarkreuz von der 21-jährigen deutschen Defensivspielerin Lea Lachenmayer, an guten Tagen sehr dicht in der Abwehr, und der 23-jährigen Litauerin Kornelija Riliskyte gebildet werden dürfte. Der ESV Weil macht sich keine Illusionen und will nicht nach den Sternen greifen. Der Klassenerhalt in dieser starken, ausgeglichenen Liga ist als Saisonziel vorgegeben.

Ievgeniia Sozoniuk könnte am Sonntag als Nummer eins des ESV Weil auflaufen (Foto: Dr. Stephan Roscher).
Wenn alles wie geplant läuft, werden Sally Moyland, Sophia Klee, Lorena Morsch und Matilda Hansson am Sonntag das Langenselbolder Trikot tragen.
Trainer Oliver Weber blickt gespannt der Premierenpartie entgegen: „Auftaktspiele sind immer schwer. Weil ist vielleicht keine Topmannschaft, aber war in den letzten Jahren für viele ein sehr unangenehmer Gegner. Sie sind schwer auszurechnen.“ Weber präzisiert: „Für Hursey sind neue Spielerinnen gekommen. Das sind sehr unterschiedliche Spielsysteme, da brauchen wir auf jeden Fall den vollen Fokus und höchste Konzentration.“
Über das Saisonziel sind sich in Langenselbold ohnehin alle einig: „Ganz klar, der Klassenerhalt“, so Spielertrainerin Sonja Roggenhofer. „Wir sind ganz neu in der Liga, unser Team ist jung und spielstark, muss sich aber erst an die raue Luft in der Bundesliga gewöhnen.“ Sophia Klee (23) und Lorena Morsch (18) pflichten bei. Beide kennen die Bundesliga schon recht gut. Klee hat schon für verschiedene Klubs im Oberhaus aufgeschlagen und spielte in den letzten beiden Jahren für den TSV Langstadt, Morsch ausschließlich im Langstädter Dress, wo die Gießenerin, die zu den besten Juniorinnen Europas zählt, zuletzt zur Stammbesetzung in der 1. Liga gehörte. „Wir müssen erst einmal als Team zusammenfinden und in der starken Liga richtig ankommen“, sagt Klee, die dem Perspektivkader des DTTB angehört. „Natürlich wollen wir den Fans etwas bieten und hoffen, dass sie von Anfang an hinter uns stehen und wir am Sonntag nicht allzu nervös sind.“
Sie hat sich in dieser Woche gemeinsam mit Morsch und der 19-jährigen US-Amerikanerin Sally Moyland, aktuelle Nummer 68 der Weltrangliste, im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf gezielt auf den Saisonstart vorbereitet. Vor drei Jahren als damals 16-Jährige machte Moyland ein Spiel in der Bundesliga im Dress der TTG Bingen/Münster-Sarmsheim. Nun sollen zahlreiche weitere dazukommen. Die ersten drei Partien soll laut TGL-Planung die US-Damen-Einzelmeisterin der letzten beiden Jahre allesamt bestreiten, bevor die 29-jährige indische Materialkünstlerin Ayhika Mukherjee, die sogar schon einmal die chinesische Weltranglistenerste Sun Yingsha geschlagen hat, erstmals auf der Spitzenposition zum Einsatz kommen dürfte.
„Wenn wir viele tolle Spiele hatten und am Ende der Klassenerhalt steht, dann sind wir glücklich“, betont auch der Langenselbolder Vorstandsvorsitzende Matthias Leißner, der mit seinem Vorstands- und Helferteam in den letzten Wochen eine Menge Vorbereitungsarbeiten zu leisten hatte und sich nun unheimlich auf die Premiere freut: „Es war sehr, sehr viel Arbeit, aber wir sind bestens vorbereitet.“ Leißner möchte etwas Nachhaltiges auf die Beine stellen: „Wir wollen Werbung für den Tischtennissport machen. Und das nicht nur ein paar Wochen, sondern möglichst viele Jahre.“ Man hofft am Sonntag auf 250 Fans.
Alles andere als der Klassenerhalt für den einzigen hessischen Erstligisten wäre in dieser starken Liga wahrlich vermessen. Platz sieben wäre folglich zunächst einmal anzuvisieren. Jeder einzelne Punkt ist hilfreich, diesem Ziel näherzukommen. Je früher man mit dem Punktesammeln beginnen kann, desto besser, zumal eben sehr viel auf innere Ausgeglichenheit und Selbstvertrauen ankommt, um die es natürlich am besten bestellt ist, wenn man nicht ganz hinten mit dem Rücken zur Wand steht.
Ein kurzes Statement des ESV Weil folgt am Samstag.
Beitragsbild ganz oben: Wollen ihren Beitrag zum anvisierten Klassenerhalt der TG Langenselbold leisten, v.l. Sophia Klee, Sally Moyland, Lorena Morsch, Spielertrainerin Sonja Roggenhofer (Foto: Dr. Stephan Roscher).
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